Ein Tag im Leben einer „deatbeat“-Tochter

Lenora Thompson

2/14/2016

 

Hallo zu einem Tag in meiner Welt. Es ist 2008. Ich bin 28 Jahre alt und eine respektierte, erfolgreiche IT-Business-Analytikerin. Trotzdem leben ich noch bei meinen Eltern….es frisst mich bei lebendigem Leibe auf. 

Ich wünsche mir so sehr ein eigenes Heim, einen wunderschönen Hafen, wo ich mich warm fühle, jeden Tag eine heiße Dusche nehmen kann, wann auch immer ich will, zu Bett gehen kann, leckere Mahlzeiten kochen und mein Leben genießen kann. Das Allerbeste wäre, dass ich mit einem Heim für mich das Gefühl hätte, vollkommen erwachsen geworden zu sein.

Aber wir sprachen darüber und es ist absolut verboten. „Wir haben nicht so hart an dir gearbeitet, dich den Wölfen vorzuwerfen“, sagen sie. Ich weiß, dass sie denken, ich entwickle mich zur Hure und treffe keine vernünftigen Entscheidungen ohne sie. Es zerstört mein Selbstbewusstsein. Natürlich, keiner meiner Verwandten oder Mitarbeiter wissen, dass es mir verboten ist auszuziehen. Sie denken nur, dass ich komisch bin.

Oh, wie ich mir einen Freund wünsche! Aber als ich 1995 meinem Papa einen Jungen vorstellte, wurde ich wieder damit erschreckt, dass ich eine Prostituierte sei. Meine letzte Verabredung war vor einem Jahr. Er war wirklich ein netter Junge. Er küsste mich gar zum Abschied auf die Wange. Aber – wie ich es erwartete – verlangten Papa und Mama hartnäckig, ihn aufzugeben. Es wurde kein Grund angegeben, aber ich bin sicher, es war der Kuss. Sie brachen mir das Herz, aber ich gehorchte ihnen.

Ich gehorche immer. Ich fürchte, das nicht zu tun. Wenn Papa böse wird, rennt er wie ein wild gewordenes Tier durchs ganze Haus, schreit aus ganzer Lunge und schlägt mit den Fäusten in die Luft. Einmal ist er in Ohnmacht gefallen.

Ich werde nie vergessen, als ich mich verweigerte, bei meinen Schularbeiten der 8. Klasse zu schummeln. Papa boxte mir ins Gesicht. Natürlich wurde ich ständig in den Wahnsinn getrieben, und er sagte, es wäre kein Faustschlag gewesen. Ich bin fast dreißig, aber ich bin immer noch in Furcht, ihm nicht zu gehorchen. Und wenn ich Mama herausfordere, …nun, dieses böse Schmollen von ihr ist extrem unangenehm.

Es fühlt sich so an, dass Mama und Papa mein Selbstbewusstsein sorgenlos in ihren Händen halten. Aber wenn ich es nicht genau so machen, wie sie wollen, zertrümmern sie es …wieder.  Ich habe mich daran gewöhnt, nun kritisiere ich mich ständig selbst. So ist keine Kritik, die sie gegen mich haben, eine Überraschung.

Nun, Ich denke, ich erhebe mich besser und gebe vor, glücklich zu sein. Wenn ich nicht fröhlich bin, schreit mich Mama an.

„Guten Morgen, Mutter. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Nun, ich konnte nur nicht schlafen.“

Genau, wie ich es erwartete hatte, fing meine Morgenbefragung an. Und es scheint, dass ich mit meiner Schlaflosigkeit und meinen nächtlichen Badezimmer-Besuchen, den Schlaf meines Vaters gestört hatte. Ich kann es nicht glauben, dass meine Mutter mir sagt, dass ich einen Eimer in meinem Zimmer von nun an benutzen soll. Es fühlt sich so erniedrigend an, aber besser als zu argumentieren.

Ich nehme an, meine Mutter kommt während meines Bades ins Badezimmer, wie sie es gewöhnlich macht. Sie will wissen, warum ich jeden Tag ein Bad brauche und ob ich mehr heißes Wasser verbrauche, als absolut notwendig ist. Als nächstes wurde ich dann belehrt, dass ich zu viel heißes Wasser, Seife, Shampoo, Zahnpasta, Toilettenpapier und Handtücher verbrauche. Und das, obwohl ich monatlich die Miete zahle und alle Besorgungen freiwillig mache.


Wir hörten alle von der Mutter, die ihre erwachsene Tochter jeden Morgen die Kleider raus legt. Nun, meine tut das noch…und beobachtet mich beim Anziehen. Meine Garderobe beinhaltet nur sackartige Kleider, denn sie hält das für „sittsam“. Mir ist es nicht erlaubt, zu gut auszusehen, oder sie beschuldigt mich wieder, meinen Vater zu verführen.

Ah, fertig für die Arbeit. Aber erst gibt sie mir das „Einmal-drüber“. Wie immer reibt sie mir etwas von dem Augen-Makeup weg. Dann habe ich meinen Lippenstift ab zu tupfen, weil sie mich beschuldigt, wie eine Nutte aussehen zu wollen. Und wenn ich nicht mein komplettes Makeup trage, um meine „Akne“ zu verdecken, wird Papa eine Grimasse schneiden und mir das Abendessen mit der Familie verweigern. 

Ich bin durch die Inspektion durch und endlich frei, für die Arbeit das Haus mit schalen Einwürfen „ Fahr vorsichtig“ und „Sei vorsichtig“ zu verlassen. Also ob es bei mir anders sein würde.


Ich liebe es, alleine im Auto zu sein. Es ist der einzige Platz, an dem ich frei meine eigenen Gedanken denken kann, aus voller Lunge schreien  und sogar die verbotene Country-Musik-Station hören kann. Anrufen bei Ankunft und Verlassen des Zielortes. Das ist eine Grundregel. Und wenn ich zu spät bin, anrufen, oh welches Drama!


Ich liege oft nachts wach und phantasiere, von zu Hause wegzurennen. Nur ins Auto und weg fahren. Aber es ist nur ein Tunnel-Traum. Ich will Mutters Herz nicht brechen. Vater wird die Polizei rufen. Und sie haben meine Allgemeinvollmacht.

Sogar wenn ich schlafe, habe ich Alpträume von ihnen. Immer die gleichen Alpträume. Ich schreie aus vollem Halse, aber sie hören mich nicht. Der Alptraum spiegelt mein Leben. Wenn ich Traurigkeit artikuliere, bin ich Schande und werde belehrt. Es ist leichter einzulenken, Smiley und starr. Sie sehen die ganze Zeit nicht, dass ich sitze, Hand in den Kopf, und immer wieder sage: „Existiere nicht, existiere nicht, existiere nicht…“

Nun, es ist 18.00 Uhr jetzt und Zeit, die Arbeit zu verlassen. Während meine Mitarbeiter zu Verabredungen aufbrechen, draußen essen gehen oder gemütliche Abende mit ihren Familien in ihren bequemen Heimen verbringen, habe ich nicht solche Freuden zu erwarten. Ich muss für meine Eltern drei Abende in der Woche die Besorgungen machen. Diesen Abend ist Gemüseabend. Und weil es mir nicht erlaubt ist, im Dunkeln zu fahren, werde ich zuerst nach Hause fahren, um den Autoschlüssel meinem Vater auszuliefern. Dann wird er mich in meinem Wagen zum Gemüsehändler fahren. Abendessen kann warten; ihre Besorgungen sind wichtiger als meine Hungerattacken.

Ich erwarte das Wochenende. Aber warum!? Ich habe keine Freunde. Sicher keine spannenden Verabredungen, auf die ich warte. Und ich bin nicht berechtigt, nach Dunkelheit in die Stadt zu fahren. Autobahnen nur 40 Meilen von zu Hause aus. Das beschneidet wirklich alle Unterhaltungsmöglichkeiten.

Nun, ich darf eine Online-Dating-Seite aufmachen, aber das wird auch kompliziert. YouTube parodiert oft erdrückende Eltern, die stereotype Szenen enthalten, in denen sie ihrem erwachsenen Kind Online-Single-Profile schreiben. Mein Vater macht das gerade aktuell. Meine Mutter liest alle meine Emails.

Ich lese wahrscheinlich gerade mal ein Buch an diesem Wochenende. Und zweifellos verlangt Papa, dass ich einige Stunden mit ihm verbringe, damit wir ein Instrument spielen, er mit mir  redet und  an mir fummelt. Meine Mutter wird uns zweifellos belauschen, wie sie es immer tut, und mich dann später ausfragen. „Habt ihr über mich gesprochen?“ fragt sie immer.

 

Das ist nur einer der Tage aus dem Leben einer „deadbeat“-Tochter.

 

Bitte beachtet: Diese Situation endete mit meiner „Flucht“ 2011. Ich schätze all eure Erörterungen und netten Zuschriften, aber ich bin draußen! Ich bin frei! Ich bin glücklich und verheiratet. 

 

(aus dem Englischen übersetzt von Emma Kober) 

 

 

http://www.lenorathompsonwriter.com/blog/a-day-in-the-life-of-a-deadbeat-daughter

 

Über Lenora Thompson

 

 

Lenora Thompson ist freie Journalistin für die Huffington Post und Holzbrand-Künstlerin. In ihrem Blog „Narzissmus begegnet der Normalität“ („Narcissism Meets Normalcy“) beschreibt sie ihre wahre Lebensgeschichte, eine Flucht in jüngster Zeit aus der Geiselhaft einer Generationen übergreifenden, sektenhaften, narzisstischen Familie. Mit offenem, beißenden Humor und Sarkasmus beschreibt sie mutig und realistisch, was sie erlebte. Lenora Thompson sieht sich selbst als „whistleblower“, die eine Schlaglicht auf narzisstischen Missbrauch wirft, so dass auch andere anfangen, ihre Freiheit und die Erfahrung von Heilung zu machen. Hier ihre Webseite: http://www.lenorathompsonwriter.com

 

Der Artikel ist nur zur Information und hat aufklärerische Absichten. Es sollte unter keinen Umständen als Therapie erwogen werden oder Therapien und Behandlung ersetzen. Wenn du dich Selbstmord gefährdet füllst, oder denkst, dich selbst zu verletzen, oder wenn jemand in Gefahr ist, wende dich an öffentliche Notrufstellen. Der Inhalte dieser Blogs und alle Blogs beschreiben die Meinung von L. Thompson. Wenn du Hilfe brauchst, kontaktiere qualifizierte psychologische Stellen. 

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